| Notizen |
- Quelle: Bayrische StaatsBiliothek
Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik
Mittwoch, 25. Juli 1849
Warnung für deutsche Auswanderer
Wir unterzeichnete, Passagiere am Bord des Argo, Kapitän Davis, von Havre nach New York, haben uns entschlossen zum allgemeinen Nutzenunserer deutschen Brüder, sowie deren Aufklärung über die Überfahrts-Verhältnisse der deutschen Auswanderer auf dieser Route in Nachfolgend dem gewissenhaften Bericht zu erstatten. Wie wünschen zugleich, dass diese Erklärung durch die deutschen Blätter veröffentlicht werden.-Die Versprechungen, die uns gemäß dem mit dem hause Washington-Finlay abgeschlossenen Überfahrts-Vertrag gemacht wurden, garantierten uns:
1) gute, zweckmäßige und billige Lebensmittel,
2) 2) eine ordentliche Küche und hinreichend Feuerungsmaterial,
3) 3) gute und zweckmäßig eingerichtete Schlafstellen und
4) 4) Licht und nöthigenfalls Apotheke. Nach unseren bisher gemachten Erfahrungen müssen jedoch die obigen Versprechungen in ihrer Verwirklichung folgendermaßen berichtigt werden: Zu
1) die Lebensmittel, die uns aus dem Magazin des Hauses Finlay ausgehändigt wurden, waren weder in Bezug ihrer Güte, noch ihrer Preise dem entsprechend, was wir billigerweise verlangen konnten. Nicht nur, daß uns nicht gestattet war, die Lebensmittel aus dem Magazin, für die wir schon im Voraus bezahlen mußten, bezüglich ihrer Brauchbarkeit oder ihrer Quantität zu untersuchen, sondern die Bediensteten des Hauses erlaubten sich sogar, namentlich ein gewisser Kahn, Drohungen und Verweigerungen der Schiffsplätze in ungebührender und anmaßender Weise gegen diejenigen auszustoßen, die den Proviant nicht aus ihrem Magazin kaufen wollten. Wer sich jedoch hiervon nicht abschrecken ließ, sondern seinen Vorrat selbst einkaufte, hatte den Vortheil, bedeutend billigere und bessere Lebensmittel mit auf die Reise mitnehmen zu können. So z.B. wurde Schinken und Anderes von Finlay erst eine Stunde vor der Abfahrt auf dem Schiff verteilt, wodurch es den Akkordanten nicht mehr möglich war, unbrauchbare Lebensmittel auszutauschen, oder zurückzugeben. Wirklich mußten auch bald, nachdem wir in See gegangen waren, viele dieser aus dem Magazin gefaßten Vorräthe über Bord geworfen werden und was übrig blieb, war nicht weniger schlecht. Ja sogar meinen Betrug erlaubte sich das Haus Finlay, indem es Hammelfleisch für Schweinefleisch verkaufte und bedeutender Gewichtsirrungen sich schuldig machte.
2) Der Raum, in welchen für die dreihundert und achtzehn Zwischendeckspassagiere gekocht werden soll, ist 14 Fuß lang und 4 1/3 Fuß breit. Der Herd selbst, nur 8 Fuß lang und 1 ½ Fuß breit, enthält 8 Kochlöcher. Für die Kochenden bleiben nur 48 Quardratfuß zur Bewegung.
Es ist daher leicht begreiflich, daß in einem so engen Raum für die obige Anzahl Passagiere kaum Einmal, viel weniger dreimal eine Mahlzeit zubereitet werden kann. Wir hofften vergebens von Seiten des Kapitäns eine geregeltere Küchenordnung aufgestellt zu sehen. Der Schwächere mußte dem Stärkeren weichen und so kam es, daß manche im Tage nicht eine warme Speise erhalten konnten. Die Folgen hiervon zeigten sich leider zu bald in Erkrankungen mehrerer Passagiere wegen dieser Unregelmäßigkeit. Zwar gelang es später durch unsere eigene Anstrengung, eine geregeltere Kochordnung nach den Bettnummern einzuführen, allein auch dies konnte nicht genügen, den Einzelnen mehr als einmal des Tages zum Kochen zuzulassen. Hierzu kommt noch, daß uns das Feuerungsmaterial äußerst sparsam, unzureichend und auch dann nur auf wiederholtes Dringen verabreicht wurde. Zu
3) Nicht besser waren unsere Verhältnisse in Bezug des Raumes, der uns zum Aufenthalte bei Tag und Nacht angewiesen war. Das Zwischendeck, in dem 318 Menschen leben sollen, ist nur 160 Fuß lang und 30 Fuß breit, von welchem Raum jedoch auf die Schlafstellen nur 1848 Quadratschuh treffen. Kisten, Säcke etc. und eine beidseitiger schmaler Gang nehmen den übrigen Raum ein. Die Bettstellen, je zwei übereinander für acht Personen sind nur 6 Fuß breit und lang; die Höhe des Zwischendecks beträgt 7 ½ Fuß.
An große Reinlichkeit in einem solchen Raum ist also nicht zu denken, sie kann auch mit dem besten Willen nicht hergestellt werden, da den dichtgedrängten Effekten und Personen während der Reinigung kein anderweitiger Platz eingeräumt werden kann. Es wurde zwar zur größten Unbequemlichkeit der Passagiere wöchentlich einmal eine Reinigung des Zwischendecks durch die Schiffsmannschaft vorgenommen, welche aber, sowie die tägliche durch die Passagiere, höchstens für einige Stunden von Dauer sein konnte. Der unbedeutende Raum auf dem Verdecke wird durch die dort befindlichen Schiffsgegenstände noch mehr beschränkt und durch die Arbeiten der Mannschaft manchmal selbst ganz in Anspruch genommen, so daß wir auch hiervon wenig Genuß haben konnten. Ist nun vollends bei ungünstiger Witterung das Zwischendeck allen Passagieren zum alleinigen Aufenthalt angewiesen, so muß wegen Mangel an Zirkulation frischer Luft die Unreinlichkeit und Ungesundheit in diesem Raume nothwendig noch bedeutend vergrößert werden.
Zu
4) In Bezug auf Beleuchtung herrschte die dieselbe übertriebene Sparsamkeit, wie wir sie oben beim Feuerungsmaterial anführten. Die ganze Beleuchtung des Zwischendecks bestand in zwei Laternen, welche nur zur Zeit des Schlafengehens zwei Stunden lang ihr spärliches Licht verbreiteten, dann aber für immer abgeholt wurden und die große Anzahl Menschen in tiefer Finsterniß und wohl begreiflicher Lage zurückließen. An Hülfe im Falle einer Erkrankung durch Arzt oder Apotheker ist gar nicht zu denken. Der ganze Reichtum der Schiffsapotheke besteht in einigen Abführungs- und Brechmitteln Thee und Wundmitteln, die vom Steuermann nach bester Einsicht ohne medizinische Kenntnisse verabreicht werden. Wir müssen bei gehöriger Überdenkung unserer Lage in beständiger Angst schweben und dies umso mehr, als bereits 3 aus unserer Mitte, 2 Kinder und 2 Frau, nach kurzem Erkranktsein an Bord starben, welches Loos bei gehöriger Pflege und Hülfe ihnen nicht so schnell zu Theil geworden wäre. Nicht einmal bei Antritt der Seereise in Havre wurde eine ärztliche Untersuchung der Passagiere veranstaltet, obwohl es vorkam, daß Leute mit Krätze und Blattern behaftet aufs Schiff gingen. Ebenso erwähnen wir, hierbei den mangen eines Krankenzimmers, das bei den häufigen Vorkommnissen solcher Art, sowohl für die Erkrankten als Gesunden zum großen Vortheil gereichen müßte. Selbst die toten mußten bis zur Versenkung ins Meer unter den Lebenden aufbewahrt werden.
Waren wir nun in Bezug auf die gemachten Versprechungen arg enttäuscht, so mußte uns auch die Behandlung, die wir als Passagiere an Bord des Schiffes fanden, noch mehr befremden. Die Kränkungen, sogar thätlichen Beleidigungen, die wir durch die Launenhaftigkeit der Schiffsoffiziere erfuhren, waren umso unerträglicher, als keine Klage gegen diese Willkürherrschaft angebracht werden konnte.
Wir wollen hier beispielhalber nur anführen, daß der Schiffskeller, in dem die Lebensmittel der Passagiere aufbewahrt werden, oft in 6 bis 7 Tagen nicht, je nach Laune der Offiziere, geöffnet wurde, während mal uns in Havre versrochen hatte, daß dies wöchentlich zwei bis dreimal geschehe. Manche unter uns konnten bis heute, am 26.Tag unserer Reise, ihre Lebensmittel nicht heraufbekommen. Zum Schlusse wollen wir jeden auswanderungslustigen Deutschen warnen, sich solchen Verhältnissen dem hause Washington Finlay zu verkaufen; wir wollen ihm vielmehr rathen, ohne Kontrakt nach dem Seehafen zu reisen, wo er dann sicher Gelegenheit finden wird, nach freier Wahl billiger und angenehmer seine Überfahrt machen zu können, als dies uns möglich war.
Geschrieben und gezeichnet am Bord des ARGO, Samstag, den 23. Juni 1849
Gust. Hinterleitner a.Weissenburg/S., D. Titan v.Hefner a. München ……..
Fr. Jos.Schwab v. Leimersheim, Joh. Peter Schwab v. Leimersheim, Joh. Phil. Rastatter v. Leimersheim, Joh. Ad..Bürkel aus Leimersheim, Jakob Wissmann von Münchigen bei Stuttgart, Bendikt u.Joh. Dolfs v. Schwüz im Cant. Graubünden u.v.a.
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